Drei Szenen.
Drei Seiten dieses Buches.
Such dir aus, womit du anfangen möchtest.
So fühlt sich das Buch an
Leseauszug aus dem Kapitel „Nicht nach Atlanta“
… Joana bleibt am Rand des Platzes stehen und schaut auf die Anzeigetafel. Dort wechselt eine Zeile.
Atlanta.
Abfahrt in zwölf Minuten.
Sie starrt auf das Wort. Natürlich Atlanta. Ausgerechnet.
Ein schiefes Lächeln huscht über ihr Gesicht, obwohl ihr nicht danach ist. Ben würde sofort an Safe Haven denken. An Busse. Flucht. Ein anderes Leben. Eine Stadt, in der niemand weiß, wer man vorher gewesen ist.
[…]
Niklas findet Ben vier Stunden später vor Joanas Zimmer.
„Wolltest du ihr nicht Raum lassen?“
„Das war vor vier Stunden.
“Ben lehnt mit dem Rücken an der gegenüberliegenden Wand und hält sein Telefon in der Hand.
Auf dem Boden neben ihm steht noch immer die Tasche mit seiner Ausrüstung.
„Seit wann bist du hier?“, fragt Niklas.
„Lange genug.“
„Und das verstehst du unter Raum lassen?“
„Ich hatte ein blödes Gefühl.“
Ben sieht zur geschlossenen Tür.
„Sie ist nicht da.“
„Nicht da?“, fragt Niklas.
„Telefon ist aus.“
[…]
„Joana?“
Das Zimmer ist dunkel. Die Vorhänge sind geschlossen. Auf dem Tisch liegt ihr ausgeschaltetes Telefon. Ihre Jacke hängt halb über der Stuhllehne.
Ben tritt als Erster ein. Dann sieht er sie auf dem Bett. Zusammengerollt. Die Knie an den Körper gezogen. Das Gesicht im Kissen vergraben. Für einen Moment bleibt er stehen, dann ist er mit einem Schritt bei ihr und berührt sie an der Schulter.
Sie zuckt zusammen und sein Atem entweicht.
Die Angst, die ihn bis eben angetrieben hat, fällt nicht ab, aber sie verändert sich. Hinter ihm atmet Niklas ebenfalls hörbar aus.
„Hey“, sagt Ben leise.
Joana bewegt sich nicht. Er setzt sich auf die Kante.
Niklas bleibt nahe der Tür stehen. Er ist sich gerade unsicher, ob sie ihn bei sich haben will. Er würde gerade alles dafür geben, sie so selbstverständlich zu berühren, wie Ben es macht.
„Warst du am Busbahnhof?“, fragt Ben sanft.
Ein kaum sichtbares Nicken folgt auf die Frage.
„Warst du in dem Bus?“
Joana schüttelt den Kopf. Ben senkt für einen Moment den Blick und seufzt auf.
„Gut“, sagt er leise.
Joana hebt den Kopf. Ihre Augen sind rot. Nicht nur ein bisschen. Die Haut darunter ist fleckig, ihre Haare kleben an der feuchten Wange
[…]
Dann bricht der Rest ihrer mühsam gehaltenen Kontrolle zusammen und sie wirft sich mehr an seine Brust, als dass sie sich anlehnt. Ben hält sie fest. Ihre Hände greifen in sein Shirt. So fest, dass es an seinem Rücken spannt.
„Ich kann gerade nicht“, flüstert sie.
„Okay“, sagt er und nickt.
„Ich kann nicht darüber reden“, schluchzt sie.
„Auch okay.“
„Hör auf so verständnisvoll zu sein.“
Ben legt das Kinn auf ihr Haar und sagt sanft: „Kann ich versuchen. Wird aber vermutlich unglaubwürdig.“
Ein ersticktes Geräusch löst sich aus ihr. Halb Lachen. Halb Schluchzen, dann weint sie wieder.
Ben hält sie.
Niklas steht noch immer an der Tür. Sein Blick wandert über Joana. Sucht nach Blut. Nach einer Verletzung. Nach irgendetwas, dass er bekämpfen kann, aber er findet nichts. Das macht es schlimmer. Ben sieht zu ihm und für einen Augenblick begegnen sich ihre Blicke. Keine Erklärung, nur eine wortlose Bitte.
Nicht fragen.
Niklas nickt kaum merklich.
Er zieht seine Jacke aus, legt sie über den Stuhl und setzt sich auf den Boden neben dem Bett.
[…]
Niklas stützt die Arme auf seinen angewinkelten Knien ab und fragt vorsichtig: „Brauchst du irgendetwas?“
Joana schüttelt den Kopf.
Ben betrachtet die zerknüllten Taschentücher auf dem Bett. Dann die leere Schokoladenverpackung auf dem Nachttisch.
„Wir brauchen mehr Schokolade.“
Ein kurzer Blick zu Joana.
„Und Wein.“
Niklas wartet darauf, dass Ben lächelt. Tut er nicht.
„Wie viel?“
Ben sieht wieder auf die leere Verpackung und zuckt mit den Schultern.
„Ein wenig.“
Niklas nickt und steht auf. Joanas Finger schließen sich fester um Bens Shirt.
„Er geht“, sagt sie so leise, dass es kaum zu hören ist und ihre Stimme bricht.
Niklas hält bereits an der Tür inne. Ben streicht einmal über ihr Haar.
„Er holt Wein.“
„Und Schokolade“, sagt Niklas und schaut zu ihr.
„Und alles, was du sonst noch möchtest.“
Joana sieht zu ihm.
„Du kommst wieder?“
Die Frage ist wie eine Ohrfeige, die ihn trifft.
„Ja“, sagt er und seine Stimme zittert bei dem kleinen Wort. …
Darum wirst du die Figuren mögen
Leseauszug aus dem Kapitel „Er lässt sie einfach sehen“
[…]
Am Abend gehen sie alle in den Dorfpub. Selbst Niklas hat jetzt Farbe bekommen, wenn nicht sogar einen leichten Sonnenbrand.
[…]
Nach drei Bier, zwei Schnäpsen und einigen Tritten auf Zehen tanzt [Niklas], als hätte er nie was anderes gemacht. Nach drei Liedern lassen sie sich lachend wieder auf ihre Stühle fallen und Ben schiebt Niklas ein weiteres Bier hin.
„Du willst mich nur abfüllen. Aber das wird dir nicht so schnell gelingen“, kommentiert Niklas.
Ben zieht eine Augenbraue hoch.
„Du bist also gut im Training?“, fragt er.
Niklas zuckt mit den Schultern und grinst übertrieben.
„Ich glaub, du bist jetzt schon gut drauf, mein Freund“, grinst Ben zurück.
„Wird Zeit, dich einer Feuertaufe zu unterziehen.“
„Nein, komm schon, lass ihn in Ruhe“, schaltet sich Joana ein.
Doch Ben zieht nur eine Augenbraue hoch.
„Du weißt, da muss hier jeder durch!“
Joana schüttelt weiter den Kopf und Niklas bekommt ein wenig Angst vor dem, was Ben mit ihm vorhat.
Der steht auf und geht zur Band.
Ein paar Minuten später ist er zurück am Tisch. Niklas ahnt Schlimmes.
„Alles klar, du kannst ihnen einen Titel nennen und dann kann es losgehen“, erklärt Ben.
Niklas sieht ihn alarmiert an.
„Losgehen, womit?“
„Singen“, sagt Ben nur schlicht.
Niklas’ Augen werden groß und jetzt schüttelt er mit dem Kopf.
„Auf keinen Fall.“
„Das muss hier jeder machen, damit er aufgenommen wird.“
„Nein. Und wohin aufgenommen?“
„Familie“, sagt Ben schlicht und schiebt Niklas zur Bühne.
„Komm schon, Ben, lass ihn in Ruhe!“, versucht Joana es noch einmal, aber da steht Niklas schon am Mikrofon. Ben grinst nur. Seit gestern weiß er, dass Niklas sich vor einem Mikrofon nicht verstecken muss.
Dieser seufzt resigniert, dreht sich zur Band und redet leise mit ihnen. Diese nicken und er dreht sich zurück, nimmt das Mikrofon zwischen seine Hände und lässt den Kopf hängen. Der Gitarrist fängt leise an zu spielen.Joana schaut wie gebannt zu Niklas und hofft für ihn, dass er sich nicht blamiert. Er sieht aus, als wäre er jetzt lieber in einem Einsatz mit viel Beschuss.
Wenige Augenblicke später fängt er an zu singen. Seine Augen sind geschlossen und seine Fingerknöchel treten weiß hervor. Seine Stimme klingt am Anfang noch unsicher, aber mit jeder Zeile, die er singt, wird er sicherer.
Joanas Herz schlägt schneller. Als sie die ersten Takte von Make You Feel My Love erkennt, stockt ihr der Atem. Sie kennt das Lied. Natürlich kennt sie es. Und plötzlich hört sie nicht mehr nur die Melodie. Sie hört das, was Niklas ihr damit sagen will.
Ben rückt näher an sie heran und legt ihr seine Hand warm auf den Arm. Sie schluckt schwer und Tränen schimmern in ihren Augen.
Niklas’ Stimme wird sicherer. Schließlich öffnet er die Augen und sein Blick findet Joana.
Er hat nie aufgehört, sie zu lieben. Das weiß sie inzwischen. Aber das hier ist anders. Keine Erklärung. Keine Rechtfertigung. Keine Forderung. Er steht dort und lässt sie einfach alles sehen, was nach all den Jahre noch da ist.
Am Nachbartisch hat eine Frau aufgehört zu reden. Angelika steht mit offenem Mund neben der Tanzfläche. Zwei jüngere Frauen an der Bar stoßen sich grinsend an und schauen erst zu Niklas, dann zu Joana. Ein kleiner Stich zieht durch ihr Herz, aber die Schmetterlinge in ihrem Bauch sind stärker.
Ben beugt sich irgendwann zu ihr.
„Nur falls du dich fragst: Ja. Das merkt hier gerade jeder.“
Joana stößt einen halb erstickten Laut aus, irgendwo zwischen Lachen und Weinen. Nickt nur und ein Lächeln zieht über ihr Gesicht.
Im Raum ist es still. Man hört nichts anderes als Niklas’ Stimme und die Musik. Als das Lied endet, schwillt Applaus an und er verneigt sich scheu.
„Zugabe!“-Rufe werden laut, aber er schüttelt nur lächelnd den Kopf.
Als er zurück an den Tisch kommt, setzt er sich und lässt sich von Ben auf die Schulter klopfen.
„Jetzt kann ich noch ein Bier gebrauchen“, erklärt Niklas lachend und Ben holt ihm ein neues von der Bar.
„Wer hätte gedacht, dass du so singen kannst“, sagt Joana leise und sieht ihn vorsichtig an.
Niklas hält ihrem Blick stand und zieht eine Augenbraue hoch. Ein leichtes Lächeln liegt auf seinen Lippen.
„Ich!“, wirft Ben ein, als er Niklas das Bier hinstellt.
„Woher wolltest du das wissen?“, fragt Joana.
Ben sieht sie grinsend an und sagt: „Weil wir gestern zusammen gesungen haben.“
Sie sieht ihn mit großen Augen an.
„Nur ein Werbejingle. Aber da war schon klar, dass er sich hier niemals blamieren würde. … Und ganz ehrlich. Hast du wirklich gedacht, ich würde ihn bloßstellen wollen?“
Sie zuckt nur mit den Schultern.
„Ich hätte es mir einfach nicht vorstellen können, dass Nick singt.“
Ben schlägt ihm wieder auf die Schulter.
„Er hat auf jeden Fall für eine Menge Herzchen-Augen gesorgt.“
„Tanzt du mit mir?“, kommt eine schüchterne Frage von der Seite und eine junge Frau sieht Niklas hoffnungsvoll an. Der schaut kurz zu Joana und nickt der jungen Frau dann zu. Steht auf und greift nach ihrer Hand.
Ben stößt Joana mit der Schulter an.
„Lass ihn dir nicht wegschnappen“, sagt er und zieht sie lächelnd ebenfalls auf die Tanzfläche.
„Ich bin verloren“, flüstert sie an seiner Schulter.
„Das warst du schon bei Papa Bär“, flüstert er zurück. „Du hast es nur noch nicht zugegeben.“
Sie seufzt und schmiegt sich enger an Ben.
Beim nächsten langsamen Lied tippt Joana Niklas auf die Schulter und seine Tanzpartnerin gibt ihn sofort frei.
„Darf ich?“, fragt sie ihn.
Er lacht sie leicht verschwitzt an und zieht sie in seine Arme.
„Du immer“, sagt er einfach.
Als das Lied längst vorbei ist, stehen sie noch immer zusammen auf der Tanzfläche und sehen sich an.
[…]
Darum geht es in dem Buch
Leseauszug aus dem Kapitel „Sie testen, wer sie schützt“
[…]
Das Einkaufszentrum verspricht Normalität.
[…]
Joana gehört zu einer der mobilen Einheiten der internationalen Schutzbehörde. Diese wehrt die Angriffe nicht menschlicher Wesen ab. Schützt Zeugen und sorgt dafür, dass von den Einsätzen möglichst wenig an die Öffentlichkeit dringt.
[…]
Im Café auf der oberen Ebene setzt sich Joana in die erste Reihe, von wo aus sie durch die Glasbalustrade alles erfassen kann.
[…]
Und plötzlich verändert sich der Raum.
Nicht sichtbar, aber für sie spürbar.
Ihre Schultern spannen sich minimal an. Das Polster der Bank unter ihr bewegt sich, als sich jemand direkt neben sie setzt, und sie dreht langsam den Kopf.
Zu nah!
Das ist das Erste, was sie denkt. Und als sie sieht, wer es ist, wird der Gedanke so laut, dass er sie förmlich anschreit. Niklas sitzt neben ihr. Als wäre er schon immer da gewesen und als würde er hierhergehören. Aber er gehört eindeutig woanders hin. Nicht nur räumlich, auch zeitlich.
Sie haben sich vor fünf Jahren getrennt, und allein die Distanz hat ihr erlaubt, weiterzumachen. Die Trennung tat weh, und zwar richtig. Und jetzt besitzt er die Frechheit, sich neben sie zu setzen, als wären sie alte Freunde, die sich nur selten sehen. Kein Überraschungseffekt. Kein dramatisches Auftauchen.
Nur ein:
„Hi, Jo.“
Seine Stimme klingt genauso klar und warm wie bei ihrem ersten Treffen. Ironischerweise ebenfalls in einem Café, in dem er sich zu ihr gesetzt hatte. Zu gelassen für das, was zwischen ihnen liegt.
Hinter ihm klirrt Geschirr. Irgendwo lacht jemand. Joana hört alles und nichts. Ihr Blick bleibt wie betäubt an seinem Gesicht hängen, als müsste sie es neu einordnen. Fünf Jahre, und nichts davon ist weg.
Innerlich seufzt sie. Sie hat ihn so sehr vermisst. Und gehasst und sich nach ihm verzehrt. So viele widersprüchliche Gefühle.
Sein Blick gleitet kurz über sie, bleibt an ihrer Haltung hängen, als würde er prüfen, ob sie noch dieselbe ist.
„Du arbeitest noch mit ihnen?“, fragt er, aber man merkt, dass er keine Antwort erwartet.
Ein kleines Zucken geht über sein Gesicht. Fast so etwas wie Schmerz. Das muss sie sich eingebildet haben.
„Ich habe dich vermisst. Es ist schön, dich zu sehen“, setzt er hinterher.
Und da taucht wieder dieses Flackern in seinen Augen auf.
Unsicherheit?
Auch das kann nicht sein. Der selbstsichere Elitesoldat, den die anderen in ihm sehen, wäre nie unsicher. Und doch. Wäre das hier nicht Niklas, sondern eine andere Person, wäre sie sich sicher, dass es Unsicherheit ist, die sie da sieht.
Aber sie kämpft mit ihren eigenen Gefühlen. Sie würde ihn am liebsten anschreien und durchschütteln. Er soll wieder gehen. Ihr Brustkorb wird eng. Gleichzeitig zieht es sie zu ihm, als hätte ihr Körper die fünf Jahre nicht mitbekommen. Er hat sie von sich gestoßen, obwohl sie so sehr in ihn verliebt gewesen ist. Und ihr verräterischer Körper erinnert sich genau daran. Sie wollte nichts anderes, als ein Leben mit ihm zu verbringen. Sie wollte die Sonne am Strand mit ihm genießen. Sich nach einem Bad im Weiher an ihn kuscheln. Sie wollte die Nächte und Träume mit ihm verbringen.
Sie wollte die Seine sein.
Sie sagt nichts. Sie sieht ihn nur an. Wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Und wenn sie nicht bald reagiert, wird sie wieder von diesem Auto überfahren. Wie vor fünf Jahren.
Er beugt sich leicht vor, küsst sie auf die Wange und streicht ihr wie früher die widerspenstige Haarsträhne hinter das Ohr. Ihr Körper erkennt die Berührung, bevor ihr Verstand sie einordnen kann. So viel Zeit, und sie wünscht sich nichts anderes, als dass seine Hand noch eine Sekunde länger auf ihrer Wange ruht und er sagt, dass es ihm leidtut. Sie braucht keine großen Worte. Sie weiß, warum er sie von sich gestoßen hat. Sie wusste damals, wer er war. Sie kannte seine Angst. Aber sie hatte gedacht, dass sie zusammen einen Weg finden würden. Gemeinsam gegen die andere Einheit, gegen den Kodex. Hand in Hand.
„Ich denke, du kannst die Hand jetzt wieder von meiner Freundin nehmen.“
Die Stimme kommt von links, und als Ben sich neben sie setzt, wacht ihr Körper aus der Starre auf. Sie bewegt sich wieder. Ihr Körper lehnt sich in Bens Richtung. Sie stößt den angehaltenen Atem aus, und Niklas lässt seine Hand einen Augenblick später sinken. Sein Blick löst sich nur langsam von ihr und wandert zu Ben. Kein Widerstand, aber auch kein Sorry.
Für Niklas ist der Blick zwischen ihnen eindeutig. Was Joana nur als kurzes Brechen in seinem Gesicht wahrnimmt, fühlt sich für ihn an, als würde etwas in ihm zerbrechen. Er ist zu spät. Sie hat einen neuen Freund. Wobei man nach fünf Jahren wohl kaum von frisch sprechen kann.
Niklas muss sich eingestehen, dass er einfach zu lange gebraucht hat. Zu lange, um sich gegen den Kodex aufzulehnen, der so lange sein Leben bestimmt hat.
Seit feststand, dass er in ihre Einheit wechseln würde, hatte er sich auf die Begegnung vorbereiten wollen. Er hätte nur nicht damit gerechnet, dass es hier zwischen Kaffeetassen und fremden Menschen sein würde.
Jetzt sitzt sie vor ihm näher als in all den Jahren dazwischen und lehnt sich zu einem anderen Mann.
„Ben“, sagt Joana erleichtert und dreht sich zu ihm um. Ein kleines Lächeln liegt auf ihrem Gesicht.
Niklas würde dafür morden, dass sie ihn so ansieht.
Ben legt den Arm um Joana und sieht sein Gegenüber an. Dann nickt er kurz.
„Wir müssen jetzt los. Tut mir leid, Mann. Vielleicht sieht man sich ja mal nicht wieder. Komm.“
Ben steht auf, hält Joana die Hand hin, zieht sie aus Niklas’ Reichweite und schlingt den Arm um sie. Gibt ihr Halt.
Ben kennt seinen Namen. Kennt die Nächte, in denen Joana wegen dieses Mannes nicht schlafen konnte. Und er kennt den Blick, den sie Niklas gerade schenkt. Es hat Monate gedauert, bis sie ihm so weit vertraut hat, überhaupt davon zu erzählen. Er glaubt, es gibt keinen Teil von ihr, den sie ihm nicht irgendwann anvertraut hat.
Joanas Herz schlägt noch immer zu schnell. Sie weiß nicht mehr, ob wegen Niklas oder wegen des Gefühls, beobachtet zu werden.
✦ ✧ ✦
Fein. Hochfrequent. So leise, dass ein normaler Mensch es nicht gehört hätte, nimmt Joana ein Geräusch wahr. Sie versteift sich, was sich sofort auf Ben überträgt. Ihr Kopf ruckt minimal zur Seite.
„Was?“, setzt er an, als sie schon sagt:
„Jetzt, duck dich!“
Sie schubst ihn von sich.
Der erste Schuss zerreißt das Café. Blaues Licht. Schreie. Bewegung. Menschen rennen. Stühle kippen um.
Alle versuchen, sich in Sicherheit zu bringen. Ben und Joana sind schon weiter, bevor der nächste Strahl einschlagen kann.
„Links!“, ruft Ben.
Niklas reagiert gleichzeitig und zieht die gesicherte Waffe unter seiner Jacke hervor.
Kein Zögern. Kein Übergang. Arbeitsmodus. Auch wenn er noch nicht zu ihnen gehört.
Drei Wesen materialisieren sich zwischen den Tischen. Schlanke Körper, zu glatte Bewegungen, zu präzise, um lebendig zu wirken. Joana geht in die Knie, rollt unter einem Tisch hindurch und zieht im selben Zug ihre Waffe. Ihr Schuss trifft eines der Wesen. Ein zweites packt den Verletzten am Arm, und beide lösen sich flackernd auf. Das dritte greift sofort an.
Noch bevor Joana sich ganz zu ihm drehen kann, erscheinen zwei weitere hinter ihr. Niklas fährt herum und fängt sie ab.
Ein Job, den sie tausendmal gemacht haben. Und trotzdem fühlt er sich diesmal anders an.
Die Mutter kauert mit ihrer Tochter neben dem umgestürzten Kinderwagen. Joana wirft den Tisch um und schiebt ihn vor die beiden. Ein schlechter Schutz, aber besser als keiner. Sie weiß nicht, ob es an Niklas’ Anwesenheit liegt, aber die Wesen agieren anders als sonst. Er bewegt sich synchron neben ihr, so wie sie es damals auch getan haben. Als hätten sie nie aufgehört, geht es ihr durch den Kopf.
Ein weiterer Schuss. Hitze, als ein Treffer sie seitlich streift. Ihr Atem gerät für den Bruchteil einer Sekunde ins Stocken. Ben ist sofort da.
„Jo!“
Seine Hand liegt an ihrer Schulter. Stabil. Fest. Holt sie zurück, bevor sie überhaupt fallen kann.
„Ich habe dich“, sagt er. Kurz. Sicher. Joana nickt und lächelt kurz. Sie greift an ihre Seite.
Blut.
„Ein Streifschuss“, sagt sie und zwingt ihren Körper zurück in den Rhythmus. Noch funktioniert alles. Kein Schmerz.
Niklas ist bereits herumgefahren und hält die beiden Wesen hinter ihr auf. Den Treffer hat er nicht gesehen.
„Sicher?“, fragt Ben.
Sie nickt.
„Mach weiter!“
Niklas liest ihre Bewegungen, bevor sie sie ausführt. Ben spürt, wann sie ins Wanken gerät.
Niklas deckt sie. Die drei verbliebenen Wesen weichen zur Seite aus. Sie schießen nicht auf ihn. Eines versucht es von links, die beiden anderen von hinten. Ben verstellt ihnen den Weg, und wieder brechen sie den Schuss ab. Sie umkreisen Joana. Probieren Richtungen aus. Dann ziehen sie sich zurück.
[…]